Doppel-Moral kennzeichnet die Politik des Westens in Nahost
Erklärung des Koordinationskreises /
29. Januar 2006: Kampagnentreffen in Berlin gegen den Mauerbau in Palästina
plant Schwerpunkte für 2006
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Der demonstrative Schock in unseren Medien war groß: Die palästinensische
Bevölkerung hat mehrheitlich eine Partei gewählt, die sich explizit israelfeindlich
gibt, und die Existenz eines „Friedensprozesses“ bestreitet ! Ob es dafür
möglicherweise durchaus nachvollziehbare Gründe gibt, die in der Politik
der israelischen Besatzungsmacht liegen, diese Frage wird sorgsam ausgespart.
Dabei hat die palästinensische Gesellschaft unter den schwierigsten Bedingungen
der Okkupation gut organisierte, faire und transparente Wahlen abgehalten,
und damit einen bewundernswerten Maßstab für die gesamte arabische Staatenwelt
gesetzt. Statt des angebrachten Respekts für die demokratische Willensbildung
wird nun von den westlichen Regierungen die Anwendung ökonomischer Druckmittel
angekündigt, um die Hamas zur Gewaltfreiheit zu verpflichten. Wir meinen:
solcher Druck, dessen reale Auswirkungen in erster Linie die verarmte
palästinensische Bevölkerung treffen würde, könnte dann sinnvoll und
erfolgversprechend sein, wenn mit der gleichen Entschiedenheit gegenüber
der israelischen Regierung vorgegangen würde, um deren völkerrechtswidrige
Besatzung und den Bau der Mauer mitten in den palästinensischen Westbankgebieten
zu stoppen. Auf diese Weise wäre ein tatsächlicher Beitrag zum Frieden
in dieser so wichtigen Region möglich, statt der fassadenhaften Diplomatie
der letzten Jahre.
Unsere internationale Mauerkampagne und die europäische Petition für
Sanktionen gegen die israelische Besatzung zielt auf eben solch einen
substanziellen europäischen Friedensbeitrag; wir sind uns allerdings
im Klaren, dass wir damit auf einen nicht unwichtigen Punkt strategischer
Interessen auch der westeuropäischen Großmächte treffen, die nicht zufällig
die israelische Regierung mit massiven Waffenlieferungen bedenken, wie
gerade aktuell durch den deutschen Beschluss, atomwaffentaugliche U-Boote
in die gleiche Region zu liefern, in der Iran wegen seines zivilen Atomprogramms
mit einem Angriffskrieg bedroht wird.
Die ökonomischen und militärstrategischen Interessen, die hinter dieser
aggressiven, manifest friedensfeindlichen Nahost-Politik von EU und USA
zu identifizieren sind, wollen wir als Kampagne gegen den Mauerbau in
Palästina im Herbst in einer Konferenz untersuchen und öffentlich machen.
Der mit Terror-Mitteln geführte „Krieg gegen den Terror“ zeitigt unterdes
seine Wirkungen auch in unseren bürgerlich-demokratischen Gesellschaften.
Es wird schwieriger, die offene Debatte über kontroverse Themen zu führen,
und dies insbesondere in Deutschland zum Thema Israel-Palästina. Der
Versuch, die Diskussion zu unterbinden, geht in diesem Fall nicht primär
von den Staatsorganen aus, sondern von aggressiven Verteidigern der israelischen
Besatzungspolitik, die nach Scharon'schem Muster versuchen, Kritiker
wegen angeblichem Antisemitismus anzuklagen. Ludwig Watzal wird in seiner
Arbeit bei der Bundeszentrale für politische Bildung massiv unter Druck
gesetzt, einer Veranstaltung mit Rupert Neudeck in Frankfurt wird der
Raum gekündigt, Kritiker der Okkupationsunterstützer werden mit Gerichtsverfahren überzogen.
Wir meinen: Kriegspolitik propagandistisch zu fördern, widerspricht den
wahren Interessen auch des jüdischen Volkes. Es wäre aus unserer Sicht
im Kampf gegen Antisemitismus viel eher angebracht, sich mit den ideologischen
Motiven der Bush-Regierung zu beschäftigen, die sich bekanntlich politisch
stark auf die reaktionär-evangelikalen Kreise in den USA stützt. Zitat
aus einem FR-Artikel von Marcia Pally : „Die Evangelikalen halten die
Rückkehr der Juden nach Israel für eine Voraussetzung der zweiten Wiederkehr
Christi, nach der die Juden entweder zum Christentum übertreten oder
ausgelöscht werden.“ (Frankfurter Rundschau 20.1.06)
Hier ist nun tatsächlich originär antisemitisches Ideengut wirksam,
und es wird deutlich: die Menschen in Israel werden ideologisch und realpolitisch
zu nichts anderem als Bauern in einem finsteren Spiel gemacht.
Rassistischen Spaltungen entgegenzutreten verstehen wir als einen wichtigen
Teil unserer Arbeit, und wir wollen uns verstärkt mit den Einschüchterungsversuchen
und Diskussionsverboten auseinandersetzen, um im öffentlichen Raum eine
vernunftgeleitete Debatte zu ermöglichen, die hilft, Mauern auch in den
Köpfen zu überwinden.
Koordinationskreis „Stoppt die Mauer in Palästina“
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